Beiträge mit Schlagwort “Schweiz

Tommy Vercetti vs. Knackeboul – Diss oder Diskussion?

Wann flogen im Schweizer Rap eigentlich zum letzten Mal so richtig die Fetzen? Momentan geht es jedenfalls ab. Und zwar zwischen Tommy Vercetti und Knackeboul, beziehungsweise – wie das bei solchen Sachen meistens der Fall ist – vor allem auch zwischen deren Anhängern, die sich jetzt lustvoll das Maul zerreissen (hier bzw. oben der Joiz-Beitrag zum Thema).

Dass Tommy Vercettis «Diss» so heiss diskutiert wird zeigt, welche Harmonie im Schweizer Rap zuvor herrschte. Und wie sehr sich Hörer und Medien offenbar nach Brot und Spielen sehnen. Meiner Meinung nach wird die Diskussion aber bereits wieder viel zu hysterisch geführt – wobei hier die beiden gut argumentierenden Protagonisten ausgenommen sind. Aber worum gehts eigentlich? Stein des Anstosses ist Tommy Vercettis «Holden Skit 3» auf dem grossartigen Album «Glanton Gang», das der Berner am Freitag mit seinem langjährigen Partner in Crime Dezmond Dez rausgehauen hat. Auch wenn allenthalben betont wird, man soll Vercettis Line gegen Knackeboul nicht aus dem Kontext reissen, wird grösstenteils genau dies getan. Aus diesem Grund hier vorab der gesamte Text des vieldiskutierten Songs:

Intro (Ausschnitt aus der SRF-TV-Serie «Cover Me»): Und ja, Rapper chönnd in dr Regel au nöd singe – aber suscht sinds würklich flotti.

Tommy Vercetti: I find «Cover me» dr gröscht Scheiss, au wenn mini Jungs hei mitgmacht.
Aber i ha numme Liebi, lueg, dir sid ja no chli gsi.
Zwoi Mal hei si aagfragt, zwoi Mal han i nei gseit.
Y bi Künschtler worde für nes Minimum Freiheit.
Mag nid Fründ sii mit Bünzlis und Deppe d Hand gäh,
wo üs ignorant hei belächelt im letschte Jahrzähnt.
U dr Knack dä Hueresohn macht üsi Arbeit zum ne Witz.
Verharmlosed alles i Kommentatore wien e Bitch.
Aui Widersprüch und Kämpf uf Sympathie reduziert.
Für üsi konservative Alte uf em Tablet serviert.
Lueg i liebe mini Eltere, respektier ihri Sicht doch
au sie si Chlibürger u hei vieles nid begriffe.
Es geit nid um real sii sondern um subversiv sii.
E Stimm vo de Strass z sii für die wo still sinn die ganz Ziit.
Gäge Ideologie z syy, Reflektion vo dr Klass z sii.
Übersetzig für Spastis, minimal relevant sii.
U offe sii für alles isch hütt absolut konform.
Und alles geit mit allem, die neoliberali Norm.
Drum: Wenn Kunscht wottsch mache, muesch di wehre.
U wenn e Sändig mit üs rede – süscht wirds nur e Scheiss…

Voilà. Als ich den Track vor rund zwei Wochen vorab auf der Fahrt zur Bounce-Cypher bei SRF Virus zum ersten Mal hörte, fragte ich mich grinsend, ob eine Polemik entbrennen wird. In der Cypher sind Tommy und Knäck sich dann – soweit ich das mitbekommen habe – ganz normal über den Weg gelaufen. Ich nehme an mit den üblichen Handshakes et cetera. Dass die Geschichte kurz darauf so abgeht, hätte ich nicht unbedingt gedacht.

Klasse statt Kasse: Tommy Vercetti.

Klasse statt Kasse: Tommy Vercetti.

Aber ich finds gut, dass gestritten wird. Die Diskussion ist wichtig. Ich verstehe den Song nicht in erster Linie als Diss gegen Knackeboul – erst recht nicht an ihm als Rapper – sondern als scharfe Kritik an TV-Halligalli-Formaten wie der SRF-Doku «Cover Me», in der das Schweizer Fernsehen eidgenössische Rapper mit Volks- und Schlagersängern verkuppelte. Das Problem bei solchen Formaten – und das ist die Kritik, die der «Holden Skit 3» mehr als deutlich macht – ist, dass den Rappern in solchen Shows jeweils mit klischeehaften «Yo! Yo!»-Floskeln sowie einem teilweise spöttischen Unterton begegnet wird (wie im Skit-Intro). Und dass die Künstler zu oft wie Vollpfosten behandelt werden (besonders ausgeprägt im deutschen Fernsehen).

So werden (meist) gestandene Rapper zu Clowns gemacht, vorgeführt und bloss gestellt. Ich kann nachvollziehen, dass Tommy Vercetti findet, dass dies dazu beiträgt, dass Schweizer Rapper nicht ernst genommen werden. Ich sehe das bis zu einem gewissen Punkt auch so. Mich erinnert die TV-Show-Präsentation von Rappern irgendwie an die amerikanischen Minstrel Shows des 19. Jahrhunderts:

«Minstrel-Shows zeigten in idealisierter Form den Weißen, die oft keine Schwarzen aus ihrem Alltag kannten, zahlreiche Stereotype von Schwarzen. Sie werden als ständig fröhliche, singende und naive Sklaven dargestellt, die ihre Besitzer trotz harter Arbeit lieben. Dabei wird eine romantisierende Vorstellung vom Alltag der Sklaven auf den Plantagen inszeniert. Viele Stereotype gingen auch in andere nationale Erzählungen und ins Liedgut ein.» (Quelle: Wikipedia)

Rassistischer Humor: Amerikanische Minstrel Show im 19. Jahrhundert.

Rassistischer Humor: Amerikanische Minstrel Show im 19. Jahrhundert.

Im Unterschied zu den Minstrel Shows machen sich im Rap die Protagonisten aber gleich selber zum Affen – sei es als lustig-sympathischer Mitmach-Clown in Fernsehshows oder als überharter, alle Klischees bedienender Gangster-Rapper in den entsprechenden Songs und Videos. Beide Extreme schaden der Szene insofern, als dass deren Zeichen von den 0815-Bünzis am anderen Ende der Leitung meistens komplett falsch verstanden und interpretiert werden. Nicht so in der Szene: Wenn ein Schweizer Rapper eingermassen strassenintelligent vom Leben auf der Gasse (oder in der Gosse) erzählt, kann jeder Mcee dies nachvollziehen und respektieren. Man ist sich Übertreibungen gewohnt – das nennt man künstlerische Freiheit.

Das von Tommy Vercetti gern zitierte subversive Element versteckt sich hier oft zwischen den Zeilen. Bei Tommy und Dezmond Dez hingegen kommt die Gesellschafts-, Kapitalismus- und Systemkritik direkt in die Fresse. Unmissverständlich und unverblümt. Das ist geil und überfällig. Knackeboul ist – als Rapper UND «Cover Me»-Moderator – sozusagen ein prominentes Bauernopfer, wobei Tommy Vercetti natürlich völlig bewusst gewesen sein dürfte, welche Polemik er mit seiner Knäck-Line auslöst. Und, zugegeben, das «Hurensohn» hätte es hier nicht wirklich gebraucht. Denn darauf – anstatt auf der berechtigten Kritik – reiten jetzt alle rum, auch wenn hier bei der Wortwahl vermutlich eher das Silbenbild eines im Rap geläufigen Schimpfworts eine Rolle gespielt haben dürfte. Und nicht Hass.

Knackeboul: Rapper, Beatboxer, Moderator, Multitalent. (Bild: Lukas Mäder)

Knackeboul: Rapper, Beatboxer, Moderator, Multitalent. (Bild: Lukas Mäder)

Ich will an dieser Stelle auch Knackeboul in Schutz nehmen – ein Ausnahmerapper, Beatboxer, Freestyle-Genie, TV-Moderator und generell in jeder Situation ein Entertainment-Multitalent, der mit seiner zappligen Heiterkeit und Offenheit zu einer Art Sven Epiney des Schweizer Rap geworden ist. Der Traum-Schwiegersohn, der Herr und Frau Schweizer bei «Giaccobo/Müller» oder von der Titelseite der Coop-Zeitung entgegenlacht. Respekt! Bei aller Skepsis bin ich letztlich froh, dass es einer aus unseren Reihen – und zwar einer der Talentiertesten – in diese Gefielde geschafft hat. Denn abgesehen von einigen beschämenden Yoyo-Klischee-Momenten, die ja meistens nicht vom Rapper aus kommen, können Leute wie Knackeboul in dieser Position auch einiges an Verständis – vielleicht sogar Akzeptanz und Respekt – für die Rapszene generieren.

Wobei Kunst, beziehungsweise Rap, in den Augen von Tommy Vercetti eine subversive Subkultur bleiben soll (sofern ich ihn richtig verstehe). Die Verbrüderung mit dem Mainstream ist unerwünscht wegen einer allfälligen Verwässerung und Verharmlosung. Vor allem aber auch wegen des Komplizentums mit der Klischee um Klischee (re)produzierenden Unterhaltungsindustrie des Kapitalismus, der wiederum für die Unterdrückung eines Grossteils des Volks verantwortlich sei. So kann mans natürlich auch sehen.

Unter dem Strich finde ich, dass die gegenwärtige Diskussion wichtig ist und Sinn ergibt. In den Augen der Einen gewinnt Tommy. Andere finden Knackeboul hat recht. Und Dritte – zu denen ich mich zähle – freuen sich ob des Diskurses, der letztlich ja zeigt, wie sehr sich viele um die Rapszene kümmern. Hier gehts nicht darum, wer gewinnt. Schlussendlich haben beide auf ihre Art recht – das hat auch der Schlagabtausch bei Joiz in the Hood gezeigt, wie ich finde.

Im gegenwärtigen Lärm geht zudem fast unter, dass Schweizer Rap im Jahr 2013 extrem viel Spass gemacht hat – nicht zuletzt dank Tommy Vercetti und Knackeboul.

Klingst fast wie eine Antwort auf alle Vorwürte: Knackebouls mit «Läbe mi Troum».


Die Schweiz ohne Schweizer…

Yay! Zeit, diesen Blog nach sechsmonatiger Abstinenz aus dem Sommerschlaf zu holen – und zwar mit meinem heutigen Beitrag in der Sonntags-BaZ. Wie einige von Euch vielleicht wissen, bestücken meine Kumpel und ich dort jeweils die Rubrik «Webweit». Ich durfte mich diesmal in der Disziplin «Gezwitschert» austoben. Darin wird jeweils ein beliebiger Tweet verarbeitet. Diesmal gehts um Ferien und Herr und Frau Schweizer. Voila…

Der Mann ist zwar Komiker, einer der schwergewichtigsten des Landes obendrauf, aber irgendwie hat er recht: Die Schweiz könnte so schön sein – ohne Herr und Frau Schweizer. Es gibt Leute, die Ähnliches über Zürich denken. Oder über den Aargau, Heimatkanton von PeachWeber. Seit über dreissig Jahren ist der Sprücheklopfer und Kinderliedautor so etwas wie der Hofnarr der Nation. Da ist es nix als natürlich, dass der bald 60-Jährige den Schweizern den Spiegel vorhält und sie über ihresgleichen lachen lässt.

Haha, die schrecklichen Nachbarn, die mit Socken in den Sandalen die Geranien giessen und beim Rückwärtslaufen die Gartenzwergkolonie plattmachen! Endlich sind sie weit weg. Irgendwo in den Ferien in irgendeinem Touristenort, wo sie sich irgendwie an der lockeren und lebenslustigen Art der ein­heimischen Bevölkerung erfreuen, die ihnen lachend das Geld aus den Taschen zieht. So lebensbejahend und so unschweizerisch! Und auf der Strandliege nebenan brutzelt Frau Meier aus dem Nachbardorf. Gleich neben dem Russen, der wiederum neben einer so schrecklich schweizerischen Schweizer Familie liegt. Dabei ist man doch in den Ferien! Aber, sind wir ehrlich, die Häme gegenüber den Landsleuten – eigentlich geniessen wir sie so, weil wir insgeheim wissen, dass wir auch so sind. Zumindest manchmal.


Der beste Pinot Noir so far…

Fast alles Gute beginnt mit B: Basel, Brandhärd, Bounce, Bier, Busen… Kein Wunder also, dass mich der Rosenauer Pinot Noir «B» auf Anhieb aus den Socken brrrätschte. Normalerweise finde ich Blauburgunder etwas zu schwach auf der Brust, aber der hier hat’s in sich – fruchtig, komplex und mit 13 Volumenprozent ganz schön körperreich.

Aufgetischt wurde der rote König dort, wo er herkommt: in Kastanienbaum (das Armenviertel der Luzerner Gemeinde Horw) am Vierwaldstättersee. Das «B» im Namen des Rosenauer Pinot Noir steht wohl weniger für einen der oben genannten Begriffe, sondern für «Barrrique», schliesslich hat der Kerl 18 Monate lang Eichenholz geküsst. Kein Wunder, wurde das dicke «B» soeben am Mondial du Pinot Noir mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Leider handelt es sich hier nicht nur um meinen besten Pinot Noir so far, sondern auch um den soweit teuersten: Stolze 45 Stutz die Flasche. Abschliessend liefert der Hersteller gleich selber noch ein paar weitere B-Deutungen… (mehr …)


Hallelujah Helvetia – Alles Gute zum 1. August

Auf weitere glanzvolle Jahre, liebe Helvetia. Zumindest die letzten Monate waren ja ein wenig zerknittert, so wie diese schreckliche Krawatte…


Keine Krise für Schweizer Waffenexporteure

Nachdem ich gestern an dieser Stelle gegeisselt habe, dass Mama Helvetia Vizeweltmeisterin ist im Grosswaffen-Verkauf pro Kopf, folgen nun die Seco-Zahlen zu den Schweizer Kriegsmaterial-Exporten: Diese haben im ersten Halbjahr 2009 nur schwach abgenommen…um 16 Millionen auf 331,4 Millionen Franken, wie NZZ-Online berichtet. Krieg kennt keine Krise – im Gegenteil.